Taifun 17II
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Andalusien: Fliegen in der Sonnenstube Europas

Text: Niklaus Wächter

Thermikfliegen während andere noch lange auf den Frühling warten? Kein Problem: Zwei Jetflugstunden südwestlich der Schweiz wartet die Sonnenstube Europas auf winter- und huddelwettermüde Piloten. Und dort gibt es auch Flugplätze, auf denen Schweizer und Deutsche Charterflugzeuge anbieten.

Über Geier
Plötzlich sind sie überall. Dicht unter uns, neben uns, vor uns und im schmalen Freiraum ausserhalb der Cockpitscheibe und der dunklen Wolkenbasis. „ Das sind Geier. Aber chlini Cheibe“, sagt Pedro. Es ist Mitte April und wir kreisen im gelbweissen Motorsegler Rotax-Falke seit gut einer halben Stunde mit stehender Latte über dem Flachland östlich von Villamartin. Das laute Fauchen des Fahrtwindes bestätigt, dass wir genug Fahrt haben um auch enger zu kreisen. In kurzer Zeit sind wir von 600 Metern bis knapp unter die Basis bei rund 1500 Metern gestiegen.
Die Thermik ist grossflächig und stark. Unter uns ziehen Licht und Schatten über das Land. Der frische Wind bläst deutlich aus Nordwesten. Wolke an Wolke reiht sich Richtung Südosten. Dort, am Horizont, zieht sich die bewaldete Bergkette der Sierra de Grazalema hin, deren Spitze gerade noch die Wolkenbasis berühren. Die Berge sind das Ziel der Segelflieger, die vom kleinen Privat-Flugplatz Villamartin aufsteigen. Und das Tummelfeld von Delta- und Gleitschirmfliegern, die dort in Gruppen oder in Begleitung eines Fluglehrers die laminaren Aufwinde im Luv der Bergkette suchen. Denn Andalusien ist schon seit vielen Jahren das Herbst- und Winterziel von bunt betuchten Zugvögeln aus Mitteleuropa.
Unter uns breitet sich eine Landschaft aus, die von grünen Feldern, braunen Äckern, hellblauen Seen und weissen Dörfern geprägt ist. Es ist die Region, die den vielsagenden Übernamen „Bratpfanne Spaniens“ trägt. Doch jetzt, nach einem regnerischen Winter, präsentiert sich die im Sommer kahlgebrannte und ausgeglühte Bratpfanne bunt wie eine Gemüseplatte auf der kalten Herdplatte.

Küsten- und Städteflüge
Mir gefällt der dichte Vogelflugverkehr ringsum nicht - ich sehe uns schon zu dritt im Cockpit. „Es ist wohl besser wir gehen“, pflichtet Pedro bei. Wir nehmen Kurs auf die nächste Wolke und gleiten unter der düsteren Wolkenbasis hinaus ins gleissende Sonnenlicht. Das Vario beginnt sein Klagelied. Aber nur sekundenlang. Dann tauchen wir unter die nächste Wolke was das Gerät mit einem erfreuten Piepsen in den höchsten Tönen quittiert. Und schon bald ist der Falke erneut von Junggeiern umzingelt - die lautlose Jagd geht weiter.
Am nächsten Tag fliegen wir gegen Abend Richtung Küste. Nach einer halben Stunde haben wir Barbate erreicht. Es liegt nur wenige Flugminuten nordwestlich von Tarifa, dem südlichsten Punkt Europas, von dem aus die Meerenge von Gibraltar überblickbar ist. Wir aber drehen an der Küste in Richtung Nordwest und fliegen über den Leuchturm von Trafalgar und über endlose Sandstrände auf Cadiz zu. Kompakt, weiss und exotisch liegt die Hafenstadt im weichen Licht der tiefstehenden Sonne. Nach einem städtischen Erkundungsflug, hart aber kontrolliert an der Grenze der CTA von Rota, geht es wieder in nordöstlicher Richtung zum Heimatflugplatz.
Am Folgetag steht ein Städteflug auf dem Programm. Wir entscheiden uns für die etwa eine Flugstunde entfernte Stadt Cordoba mit ihrer berühmten Mezquita, eine der grössten Moscheen der Welt. Und sparen uns Granada mit seiner eindrücklichen „Alhambra“ für später auf.

Architekt baut neue Zukunft
Die Behauptung, dass man in Andalusien 365 Tage im Jahr fliegen kann, wäre übertrieben. Aber das dort die Schlechtwettertage rarer sind, als bei uns die Schönwettertage dürfte keine falsche Aussage sein. Während wir im Januar und Februar Schnee schaufelten, kreisten unsere Sportsfreunde in Andalusien bei 15 bis 20 Grad Tagestemperaturen in 5-Meter-Bärten. Kein Wunder flüchten sich immer mehr Mitteleuropäer, die vom heimischen Wetter und anderem die Nase voll haben in die Sonnenstube Europas. Einige für immer. Darunter auch unternehmungslustige Flieger. Vor knapp zwei Jahren hat sich der Münchner Architekt Hans Nerlinger bei Jerez niedergelassen. Heute betreibt er dort auf dem internationalen Flughafen eine Flugschule für PPL-Piloten und bietet dabei ein beachtliches Ausbildungsspektrum an. Die sechs Flugzeuge (drei Cessnas, eine Beach und eine Katana) kann man auch chartern. Ab 98 Euro pro Stunde bekommt man eine Cessna 172. Die Katana gibt es ab 115 Euro. In Küstennähe betreibt Nerlinger darüber hinaus noch eine Flugschule für UL-Piloten. Auch diese Flugzeuge kann man chartern. 90 Euro kostet die Flugstunde mit einer Ikarus C42 und für zusätzliche 30 Euro fliegt ein Instruktor oder Safety-Pilot mit. Schon fast legendär ist die jährliche Flug-Safari der Nerlinger-Flotte nach Marokko um Mitte Mai herum. „Ja, meine neue Existenz in Spanien ist ein Erfolg. Für die nächsten zwei Monate bin ich schon ausgebucht“, vermeldet Nerlinger zufrieden.

Aus Bahnhof wird Hotel mit Flugplatz
So schnell geht es in Villamartin nicht. Hier, im überschaubaren Städtchen eine knappe Fahrstunde von Jerez entfernt, haben sich der Schweizer Peter Wittwer und der Deutsche Thomas Huster zu einer touristisch geprägten Fliegergemeinschaft gefunden. Der einstige Schriftsetzer Huster ist schon vor zwei Jahrzehnten auf die Delta- und Gleitschirmbranche umgestiegen und war unter anderem als Markenvertreter und Fluglehrer aktiv. Nachdem er eine Weile an der nordspanischen Küste gelebt hatte, entdeckte er am Stadtrand von Villamartin etwas, dass ihm als Mitteleuropäer ziemlich spanisch vorkam: Einen alten ruinösen Bahnhof ohne Geleise, dafür mit Flugpiste.
Huster wechselte seinen Wohnsitz, kaufte die beiden Restposten einer mobilen Vergangenheit des Städtchens und liess den Bahnhof nach seinen Vorstellungen zu einem schmucken Hotel um- und ausbauen. Seit Mai 2002 ist er Besitzer und Direktor des Hotels „La Antigua Estación“ und hofft natürlich auf Gäste, die eine Flugpiste direkt neben dem Hotel zu schätzen wissen.
Gekommen ist aber zuerst einer, dem es vor allem die Flugpiste und der dazugehörige grosse Hangar angetan hat - der Schweizer Peter Wittwer. Der ehemalige Flugversuchsingenieur der Pilatus-Werke und Spanien-Fan mit dem Wahlvornamen „Pedro“, hat bereits beim Umbau des Bahnhofs seine Chance für eine fliegerische Symbiose gewittert, sich einen nagelneuen Rotax-Falken gepostet und im Sommer 2002 der verregneten Zentralschweiz endgültig den Rücken gekehrt. Im Marketingverbund mit Thomas Huster schleppt er jetzt mit seinem Falken die Segler der immer zahlreich werdenden lokalen Segelflugpiloten in die Thermik, fliegt Touristen über die Bratpfanne oder die Küste, oder er verchartert seinen Falken an Selbstflieger. Für 96 Euro die Stunde ist er zu haben. Noch preiswerter sind die Segler. Eine Twin Astir 1 gibt es für 100 Euro pro Tag oder einen halben Euro pro Minute, eine LS-3 für 90 Euros pro Tag oder 0.45 Euros pro Minute und eine Astir CS für 80 Euros am Tag oder 0,4 Euros pro Minute. Immer zuzüglich Schleppkosten von 32 Euros für 500 Höhenmeter ab Grund.

Ideal für Fliegerfamilien-Ferien
Bis Ende Juli läuft eine Rabattaktion für Segelflugpiloten, die im Hotel beim Flugplatz residieren: 25 Prozent Ermässigung auf die Preise für Unterkunft, Flugzeugcharter und Schleppkosten. Das Angebot ist attraktiv für Familien mit Kinder: Denn das Hotel hat auch einen grossen Swimming-Pool. Stichwort Hotel: Mit den Unterkünften im Landesinnern von Andalusien ist das so eine Sache. Die sogenannten Haciendas und Landhotels, deren einfache und rustikale Gästezimmer mitteleuropäische Gemüter erfreuen, liegen verstreut über dem Land. Man muss sie suchen und finden. Im Umkreis von 30 Fahrminuten gibt es rund um Villamartin etwa ein halbes Dutzend davon, die man wirklich empfehlen kann. Mit Preisen zwischen 44 und 100 Euros pro Doppelzimmer und Nacht. Gute Restaurants sind noch etwas rarer als gute Hotels. Aber die touristisch gut erschlossene Atlantikküste liegt nur etwas mehr als eine Fahrstunde (mitteleuropäischer Fahrstil !) von Villamartin entfernt. Und dort ist alles ganz anders:
Hotes, Restaurants, Jubel, Trubel Heiterkeit - die wohlbekannte Alternative zum ländlichen Fliegerferienleben eben.

Die Anreise
Ab Frühjahr wird Jerez nahe der Grenze zu Portugal neben Linienfluggesellschaften auch von den Charterfluggesellschaften Edelweiss, Belair, CONDOR oder Air Berlin angeflogen. Wer geschickt wählt, bezahlt weniger als Fr. 300.- für den Retourflug. Wer aus der Schweiz mit dem Auto anreist, muss über 2000 Kilometer weit fahren. In Jerez gibt es in der Vorsaison für rund 200 Franken pro Woche komfortable Mietwagen. In der Hauptsaison wird es etwas teurer.

Direktlinks


Für Segelflug- und Touring-Motorglider-Piloten: http://www.fly-pedro.com
Für PPL-Schüler und -Piloten, sowie UL-Schüler und -Piloten: http://www.fly-in-spain.com
Für die Übernachtung am Flugplatz: http://www.antiguaestacion.com